Die Geschichte von Phuwang dem Musiker

Phuwang ist heute 88 Jahre alt und er lebt in einem Altersheim in Shimla, zusammen mit 34 anderen alten Menschen aus Tibet.

Phuwang kommt aus Ü-Tsang, einer Provinz Tibets. Er lebte dort mit seiner Familie in einem kleinen Bauernhaus nahe am See Tsangpo.

Dieser See war bekannt für seine heilende Wirkung. Viele Tibeter kamen dorthin, um sich von ihren Krankheiten, Sorgen und Problemen rein zu waschen und auch um sich mit diesem Wasser zu stärken. Die Landschaft dort war wunderschön, die Menschen waren mit ihrem leben zufrieden.

Nach der Besetzung Tibets von China floh Phuwang zusammen mit vielen anderen, die dem Dalai Lama folgten 1959 nach Indien. Damals wurden die meisten Flüchtlinge zu Straßenbauarbeiten im Himalaya eingesetzt. Phuwang war jung, kräftig und voller Hoffnung.

Die Arbeit war hart, kräfteraubend und zermürbend, das Essen in Indien ungewohnt, die Hitze oft unerträglich, das Wasser nur schwer zu vertragen. Sie schliefen in Zeltlagern - Phuwang sah vieler seiner Landsleute sterben.

Es war nicht leicht, dieses Leben zu ertragen. Phuwang beschloss nach einigen Jahren, wieder nach Tibet zurückzugehen. Das war aber nicht so einfach, er musste auch wieder "zurück fliehen". Die Gefahr, dabei erwischt und gefangen genommen zu werden, war sehr groß. Phuwang ging dieses Risiko ein, er wollte in seine Heimat zu seiner Familie zurück.

Leider ertappten ihn chinesische Grenzsoldaten und Phuwang kam ins Gefängnis. Seine Situation war relativ aussichtslos. Doch Phuwang hatte einen starken Willen, er gab nicht auf. Es gelang ihm, aus dem Gefängnis zu fliehen. Nicht nur das, es gelang ihm auch, wieder nach Indien zu kommen. Er arbeitet wieder im Sraßenbau.

Als Phuwang älter wurde und diese schwere Arbeit nicht mehr verrichten konnte, begann er Müll zu sammeln- Papier, Karton, Flaschen. Diese Leute, die so genannten garbagge people, sammelten und verkauften diesen Müll um ein paar Rupees. Er ließ sich in einer kleinen tibetischen Gemeinschaft- einige Wellblechhütten- nieder, nahe von Shimla und sammelte weiterhin Müll.

Phuwang war bekannt als Musiker. Er spielte und spielt bis heute, die Instrumente Damyel, Pewang und Flöte. Er baute sich diese Instrumente selbst, auch aus Müll- Dosen, Schnüre, Holz- und er verkaufte diese auch. Um 100-200 Rupees konnte man sie bei ihm erwerben. Er brachte auch anderen das Spiel dieser Instrumente bei. Wo immer es eine Gelegenheit gab, spielte Phuwang. So verdiente er sich das nötige Geld, um zu überleben.

Er war von Anfang an dabei, als das Altersheim gebaut wurde und seit seiner Fertigstellung 1996 lebt er dort.

Noch immer spielt er für Besucher, die leider dort sehr selten sind.

Als ich Phuwang zu ersten Mal sah, war ich sofort von ihm sehr beeindruckt, sein liebes Lächeln, seine lustigen Augen- er strahlte so viel Glück, Ruhe und Zufriedenheit aus.

Seine Damyel hing an der Wand in seinem kleinen Zimmer. Ich bemerkte sie sofort und bat ihn, zu spielen. Diese Lebendigkeit und Freude in seinem Gesicht war unbeschreiblich, sein Lachen so herzerwärmend- er sah so jung aus! Er stimmte seine Damyel und begann zu singen und spielen. Es war so berührend und erfrischend, ihm zuzuhören und auch ihm dabei zuzusehen.

Er war in seinem Element und wieder jung.

Vor meiner Abreise baten wir ihn noch einmal, für uns zu spielen. Er war sehr begeistert, weil wir ihn filmten. Bei einem Lied fiel ihm der Text nicht mehr ganz ein - er probierte es einige Male, dann meinte er "ja das ist alles schon lange her..." ... und lachte...

Für mich war das eine wunderschöne, unvergessliche Begegnung mit einem ganz besonderen Menschen - dafür bin ich sehr dankbar!!!!

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